Leipzig-Westvorstadt
Anmerkungen zu 250 Jahren Pleiße und Elster
Möge dem geneigten Leser an dieser Stelle ein kleiner Abriss von 250 Jahren Leipziger Flussgeschichte gegönnt sein. Oder darf's ein bisschen mehr sein?
5. Jahrhundert
Die Gegend bei Leipzig wird durch die Slawen besiedelt. Sie benennen die Flussläufe nach ihren charakteristischen Merkmalen: Elster (alstrawa) - die Eilende; Pleiße (Plesna) - das sumpfbildende Wasser; Luppe (lupaha) - die Rauschende; Parthe (partha) - der Stinkfluss.
Im Schutz der deutschen Burg, die sich auf dem Gelände des späteren Matthäikirchhofes befand, wird die Burgmühle (später Barfußmühle) gebaut. Dafür wurde als Verbindung zwischen Pleiße und Parthe der Pleißemühlgraben angelegt, an dem später noch die Thomasmühle gegenüber der heutigen Thomaskirche gebaut wurde.
11./12. Jahrhundert
Die Parthe, welche ursprünglich am Brühl und im Bett des heutigen Elstermühlgrabens zwischen Jacobstraße und Liviaplatz floss, wird in Richtung Gohlis verlegt. Zwischen altem und neuem Parthelauf entstehen die Gerberkanäle. Etwa gleichzeitig wird an der heutigen Ecke Jahnallee/Jacobstraße die Angermühle gebaut. Sie war als einzige der Leipziger Stadtmühlen mit der Elster verbunden. Als Obergraben dienten ein natürlicher Elsterarm und ein künstlicher Graben, beginnend etwa an der heutigen Thomasiusstraße. Ungefähr zwei Drittel des Elsterwassers gelangten so zur Mühle. Als Unterlauf diente die alte Parthe. Später wird der gesamte Zu- und Abfluss für die Mühle nur noch Elstermühlgraben genannt.
Am Mühlgraben entlang der heutigen Jahnallee wird 1212 erstmals eine Fischersiedlung erwähnt. Auch in den folgenden Jahrhunderten wohnen hier vor allem Fischer, Gerber und Färber (Färberstraße).
Durch Klimaveränderungen und beginnende Flößerei, die einherging mit der Beseitigung natürlicher Stauhindernisse, begann die Hochwassergefahr drastisch zu steigen. Die im Mittelalter gebauten Wehre waren darauf nicht eingerichtet. Es drohte die Zerstörung der lebenswichtigen Mühlen. Deshalb werden Abwurfgräben zur Regulierung der Wasserzufuhr der Mühlen angelegt. Am Elstermühlgraben diente der natürliche Lauf der Alten Elster schon immer als solcher. Jetzt wurde auch der zweite natürliche Elsterarm - der Ochsenwehrgraben - mit einem Wehr versehen und als Abwurfgraben genutzt. Sein Lauf lag zwischen heutiger Funkenburg- und Leibnizstraße und verband das Ober- und Unterwasser des Elstermühlgrabens.
Vor der Thomasmühle zweigte der Diebesgraben ab, welcher parallel zur heutigen Elsterstraße in Richtung Elstermühlgraben floss und kurz vor diesem zurück zum Pleißemühlgraben hinter der Barfußmühle geleitet wurde. Der Diebesgraben war zeitweilig auch mit dem Elstermühlgraben verbunden. Gleichzeitig mit der Anlage der Abwurfgräben werden die Wehre ausgebessert. Im Jahre 1604 erhielt der Elstermühlgraben entlang des Ranstädter Steinweges ein steinernes Bett.
18. Jahrhundert
Mit der Trockenlegung der Wallgräben um die Innenstadt und deren Bepflanzung entwickelte sich Leipzig von einer befestigten zu einer offenen Stadt. An ihrer Westseite entsteht die Hauptpromenade des Barock. 1701 wird die Angermühle neu gebaut. An dieses Ereignis erinnert noch heute der Mühlstein am Eckhaus Jacobstraße 1. Reiche Bürger legen mit Beginn des Jahrhunderts auch westlich der Stadt mehrere Barockgärten an. Der streng geometrischen Anlage dieser Gärten folgend, entsteht eine Vielzahl von Weihern und Teichen. Sie werden über die Abwurfgräben mit Wasser versorgt. Nach der Jahrhundertmitte werden diese Gärten schrittweise, nach dem vom bürgerlichen England ausgehenden Ideal "zurück zur Natur", in Landschaftsgärten umgewandelt. 1714 hält die Fischerinnung auf dem Pleißemühlgraben bei Apels Garten erstmals ein Fischerstechen ab.
Mit Beginn des Jahrhunderts werden die vor der Stadt liegenden Gärten öffentlich zugänglich. Die Nutzung der einstigen Flusslandschaft zur Freizeitgestaltung nimmt dadurch stark zu. Beliebt waren Kahnfahrten oder, bei zugefrorenen Wasserläufen, Schlittschuh- und Schlittenpartien zwischen Leipzig und Lindenau. Am Elstermühlgraben hinter der Funkenburg wird nachweislich schon seit 1835 gebadet. 1842 entsteht an der heutigen Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Karl-Maria-von-Weber-Straße die erste Flussschwimmanstalt und 1866 wird das heute noch beliebte Schreberbad eröffnet.
Die reichen Gartenbesitzer regten als erste die Regulierung der Wassergewalten westlich der Stadt an. Nachdem in den Jahren 1831 bis 1850 zwischen Leipzig und Lindenau ein Flussbett und kleine Flutrinnen entstanden waren, sah der Flussregulierungsplan der Wasserbauingenieure Kohl und Georgi, erarbeitet 1852 bis 1854 und bestätigt 1865, eine erste systematische Regulierung vor. In Ausführung dieses Planes wird u. a. das Flutbett auf den Frankfurter Wiesen ausgebaut und um 1856 die Alte Elster begradigt. Außerdem werden die Wehre verbessert. Gleichzeitig begann auf Initiative Karl Heines die Auffüllung des Geländes östlich der heutigen Friedrich-Ebert-Straße um etwa zwei Meter. Dadurch erhielten die Flussläufe relativ hohe Uferböschungen, worauf z. B. umfangreiche Uferabschnitte des Elstermühlgrabens in Steinmauern gefasst wurden.
Zwischen 1861 und 1870 werden zur besseren Erschließung des gewonnenen Gebietes vorhandene Brücken ausgebaut (1868 Rosentalbrücke; 1870 Hohe Brücke) und weitere Brücken über die zuvor angelegte Waldstraße, Weststraße, Elsterstraße und Leibnizstraße neu gebaut (1861 Leibnizbrücke; 1862 Waldstraßenbrücke; 1863 Elsterbrücke; 1865 Poniatowskibrücke; 1866 Zöllnerbrücke). Um Auffüllmassen und Baumaterialien kostengünstiger an die Bauplätze transportieren zu können, wird zwischen 1861 und 1864 auf Veranlassung Heines der Damfschiffahrtskanal parallel zur heutigen Lessingstraße zwischen Elster und Pleißemühlgraben angelegt. Damit war eine schiffbare Verbindung von der Innenstadt nach Lindenau/Plagwitz geschaffen. Dieser Kanal wurde jedoch zu Beginn der 80er Jahre, als die intensive Bebauung des Gebietes einsetzte, wieder zugeschüttet, zeitgleich etwa mit der Auffüllung des Ochsenwehrgrabens.
Zur Erschließung von Bauland waren bereits in den sechziger Jahren die künstlichen Teiche und Gräben, z.B. in der Funkenburg, in Gerhards und Linnemanns Garten, verfüllt worden. Auch der Elstermühlgraben zwischen Thomasius- und Jacobstraße wurde 1878 überwölbt und als breite Ausfahrstraße angelegt. Gleichzeitig kam es zum Abriss der traditionsreichen Angermühle. Die verbliebenen Gewässer hatten dennoch nichts von ihrer Anziehungskraft auf die Leipziger verloren. 1890 wurde die Personenschiffahrt zwischen Leipzig und Lindenau auf den Dampfern "Columbus" und "Neptun" wieder aufgenommen. Die Anlegestelle im Viertel befand sich an der Thomasiusstraße. Es war die Zeit, in der sich Leipzig im "Seestadt-Fieber" befand. Die Vorarbeiten für den Bau des Leipziger Hafens in Lindenau begannen und die jährlichen Hochwasser wurden als Attraktion genossen.
Es war aber auch die Zeit des rasanten Wachstums. 1892 beschloss der Rat der Stadt, den Plan zur Wasserregulierung von 1865 neu bearbeiten zu lassen. Ziel war die Anlage eines Flutbeckens zur Konzentration des Stadtwassers und zum wirksamen Hochwasserschutz. Desweiteren sollten die Frankfurter Wiesen zur Bebauung gewonnen werden.
Bereits 1911 waren die Planungen für das Elsterflutbecken fertiggestellt. Überlegungen zur Anlage von Bassins, ähnlich denen an der Alster in Hamburg, konnten sich nicht durchsetzen. Im gleichen Jahr schrieben die Stadtväter einen Städtebauwettbewerb zur Bebauung der Frankfurter Wiesen aus. Dessen Ergebnisse wurden nie in die Praxis umgesetzt. Nach dem Bau des Elsterflutbeckens zwischen 1912 und 1923 wird die alte Elster schrittweise mit Hausasche verfüllt und mit einer Lindenallee bepflanzt. Ab den vierziger Jahren setzte eine verstärkte Verschmutzung der Stadtgewässer durch die Abflüsse der Karbochemie ein. Aus diesem Grund und wegen des zunehmenden Verkehrsaufkommens erfolgte 1951 die Überwölbung des Pleißemühlgrabens zwischen Germania-Bad (Anmerkung: Schleußiger Weg/Wundtstraße) und Rosentalwehr. Gleichzeitig wird die Pleiße zwischen Rosentalwehr und Parthe verfüllt. Seit diesem Zeitpunkt fließt die Pleiße in den Elstermühlgraben ab. Durch einen Defekt am Palmengartenwehr erlebte Leipzig 1954 ein sogenanntes Jahrhunderthochwasser. Große Teile des Waldstraßenviertels und des Elsterstraßenviertels standen unter Wasser.
Die weitere Verschmutzung der Gewässer führte zwischen 1963 und 1965 auch zur Verrohrung des Elstermühlgrabens zwischen Schreberbad und Thomasiusstraße. Seit der Überwölbung bzw. Verrohrung von Pleiße- und Elstermühlgraben bringen sich beide Fließgewässer immer wieder dann ins Gerede, wenn ihre maroden Ummantelungen zur Gefahr für den fließenden Verkehr werden. Erstmals 1991 stellte das interdisziplinäre Entwurfsseminar "Neue Ufer" Ziele, Ideen und Konzepte zur Freilegung und Renaturierung der Leipziger Flüsse vor.
Quelle
Der historische Hintergrund wurde entnommen der Broschüre "Waldstraßenviertel" Nr. 3, herausgegeben von PRO LEIPZIG, 1993; Autor: Dr. Thomas Nabert.
Dem aufmerksamen Leser wird meine enge Beziehung zur Westvorstadt nicht entgangen sein. Und das Wasserzeichen? Natürlich Sternenmann! Aber das nur am Rande . . .